Die Digitalisierung des Bauberufs – Eindrücke aus der Praxis

Elena Höppner
de Elena Höppner Content Marketing 09.12.2021

In unserem letzten Artikel sind wir der Frage nachgegangen, welche Möglichkeiten die Digitalisierung für die Baubranche bereithält und welche Potenziale digitale Prozesse in Bezug auf Kosten, Zeitaufwand, Arbeitsbedingungen und Attraktivität des Bauberufs bieten könnten. Nach diesem theoretischen Beitrag möchten wir uns im heutigen Artikel damit beschäftigen, wie es tatsächlich um das Voranschreiten der Digitalisierung im Bauwesen steht und welcher Stellenwert dieser beigemessen wird. In welchem Umfang werden digitale Technologien eingesetzt und welche Veränderungen in Arbeitsprozessen, Anforderungsprofilen der Mitarbeitenden und dem Image des Bauberufs gehen damit einher? Um Aufschluss über diese Fragen zu bekommen, haben wir uns mit Personen in verschiedenen Positionen der Bauwirtschaft unterhalten.

Unser erstes Gespräch führten wir mit Oliver Glockner, dem «Director Innovation» der Hilti Gruppe. Er erzählte, dass Digitalisierung bei Hilti eine zentrale Rolle spiele und in jedem Bereich des Unternehmens präsent sei. Dies beginne dabei, die Kundenbedürfnisse zu erkennen, ginge über die Entwicklung und Fertigung der Produkte bis hin zur Vermarktung. Durch alle diese Felder hindurch wolle man schneller, agiler und anpassungsfähiger werden. Er betonte, dass das Vorantreiben von Digitalisierung bei Hilti durchweg gewünscht sei und diese im Idealfall in allen Businessbereichen verankert sein solle.

In Bezug darauf, inwiefern sich durch Digitalisierung die Anforderungen an Mitarbeitende ändern, berichtete Herr Glockner, dass der Technologieeinsatz auf Baustellen bisher eher limitiert sei. In Zukunft werde es allerdings mehr digitale Lösungen wie Apps und weniger Papier geben. Dementsprechend brauche es mehr Leute, die auch mit solchen Technologien umgehen können. Es sei gut und hilfreich, dass viele diese Technologien auch im Privaten verwenden, sodass z.B. Basics im Umgang mit Apps schon da seien. Für diejenigen, die schon länger dabei sind, sei es allerdings schon eine Umstellung. In Bezug auf komplexere Technologien brauche es natürlich mehr Leute mit entsprechenden Kompetenzen in ausführenden Firmen, die sozusagen als Schnittstelle zwischen Gerät und auszuführender Arbeit fungieren und mit «beiden Sprachen» vertraut sind. So müsse man beispielsweise auch im Hinblick auf KI wissen, wo Möglichkeiten und Grenzen sind; was geht, was nicht geht, wie die Technik angewendet, Ergebnisse ausgewertet und abschliessend auch korrekt kommuniziert werden. Die zukünftigen Berufsbilder würden dementsprechend wesentlich technologieaffiner ausfallen.

Weiterführend schnitten wir das Thema des Fachkräftemangels in der Baubranche an und erkundigten uns, ob neue Technologien und damit verbundene neue Arbeits- und Aufgabenbereiche auch eine Möglichkeit bieten würden, junge Leute in die Baubranche zu ziehen. Davon war Herr Glockner überzeugt, da die neuen Technologien ansprechend und attraktiv seien. Dies sehe man auch an der lebhaften Startup-Szene im Bereich der Bauindustrie, die es so vorher nicht gegeben habe. Es gäbe viele Investitionen, auch im Venture Kapital-Bereich, eine aktive Suche nach Innovationsmöglichkeiten und vermehrt interdisziplinäre Teams: So wären nun auch Experten aus Software- und IT-Bereichen beteiligt, sodass nicht immer der gleiche Blickwinkel vorherrscht, sondern man von verschiedenen Denkweisen profitieren könne. Dabei betonte Herr Glockner, dass Entwicklungen im Bauwesen tendenziell eher langsam vorangingen, sodass es gerechtfertigt sei, wenn nun endlich etwas mehr passiert.

Auf die Frage nach Innovationen, die gezielt junge Leute ansprechen, nannte er allem voran BIM. Dadurch sei eine saubere Planung in 3D möglich, bei der Daten direkt verfügbar sind und die gleiche Arbeit nicht mehrmals ausgeführt werden muss. Was dabei vor allem die Jüngeren ansprechen könnte, sei, dass das Ganze einen «Touch von gaming» habe. Insgesamt sei die Arbeit auf der Baustelle durch neue Technologien weniger anstrengend und mache mehr Spass. Auch liesse sich viel automatisieren und Knochenarbeit erleichtern; so könne z.B. das Ausmessen anstatt mit dem Zollstock mit einem Roboter erledigt werden oder Überkopfbohrungen, welche als besonders anstrengend gelten, können von einem Bohrroboter übernommen werden.

Nachdem wir mit Oliver Glockner einen Einblick in die Digitalisierungsprozesse bei einem führenden Schweizer Unternehmen wie Hilti erlangen konnten, haben wir einige Gespräche in verschiedenen Baugewerken geführt – und interessante Eindrücke erhalten, wie Digitalisierung vor Ort auf der Baustelle wahrgenommen wird. Während man der Implementierung digitaler Prozesse in der Führungs- und Organisationsebene offenbar sehr positiv gegenübersteht und diese verstärkt fördert, scheint sich die Umsetzung in der Praxis momentan noch etwas schwieriger zu gestalten. So berichtete uns ein Gipser über den Versuch, in ihrem Betrieb sämtliche Rapportierung über ein Tablet abzuwickeln. Er empfand es jedoch eher als umständlich, da er das Tablet ständig dabeihaben musste und gleichzeitig aber vor Schmutz und Schäden bewahren wollte. Auch habe es in ihrem Unternehmen einmal eine digitale Planung gegeben, was sich allerdings nicht so etabliert habe. Sie würden es nächstes Jahr noch einmal angehen. In Bezug auf die Frage, in welchen Bereichen digitale Unterstützung hilfreich wäre, war er der Meinung, dass es eigentlich keine bräuchte. Dass die Digitalisierung jedoch voranschreiten und digitale Prozesse die Aufgaben- und Arbeitsfelder in der Baubranche ändern werden, stimmte er zu. Darüber hinaus war er der Überzeugung, dass der Bauberuf dadurch für jüngere Generationen attraktiver werden könnte, da diese Altersgruppen eher digitalisiert seien.

Die Gespräche, die wir mit einem Strassenbauer und einem Maurer führten, lassen sich dahingehend zusammenfassen, dass sie digitalen Technologien gegenüber aufgeschlossen sind und diese als Erleichterung ihres doch in vielen Teilen körperlich anstrengenden Berufsalltags empfinden würden. Allerdings ging aus den Unterhaltungen auch hervor, dass sich digitale Prozesse bisher noch relativ wenig durchgesetzt haben. Darüber hinaus sei die Anfangsphase mit neuen Technologien oftmals recht schwierig, da es zunächst einmal mehr Zeit in Anspruch nehme bis der Umgang damit bekannt und somit ein Mehrwert ersichtlich wäre.

Was anhand dieser Gespräche deutlich wurde, ist, dass es eine relativ grosse Kluft in Bezug auf die Einschätzung von Chancen und Potenzialen der Digitalisierung im Bauwesen gibt. Während man in der Planungs- und Führungsebene sehr stark die Chancen digitaler Technologien sieht, ihrer Implementierung positiv gegenübersteht und äusserst zuversichtlich in eine digitale Zukunft schaut, werden digitale Prozesse in der Praxis bisher als wenig hilfreich empfunden. Sicherlich können die Gespräche, in der Art wie sie von uns geführt wurden, nicht als gänzlich repräsentativ erachtet werden, da wir beispielsweise vornehmlich kleine Baustellen herangezogen haben. Dennoch lässt sich eine Tendenz dahingehend erkennen, dass in der leitenden Ebene starke Zuversicht und in der ausführenden Ebene eine grössere Skepsis gegenüber den Möglichkeiten der Digitalisierung vorherrscht. Es scheint somit eine grosse Kluft zwischen dem, was theoretisch möglich ist und dem, was in der Praxis tatsächlich umgesetzt wird, zu existieren.

Abschliessend möchten wir Oliver Glockner und allen an unseren Gesprächen Beteiligten dafür danken, dass sie ihre Eindrücke zur Digitalisierung mit uns geteilt haben.